Fasnachtsball 2007

Aus der Lindauer Zeitung vom 22.01.2007

„Früher hab ich immer rumgeknutscht“

Sämtliches Piratenzubehör in den Läden ist am Samstagnachmittag ausverkauft. Kein Wunder. Denn wo sich um 20 Uhr noch die Kunden mit ihren Einkaufstaschen tummelten, haben eine halbe Stunde später die Piraten schon alles fest im Griff: 1400 Meerjungfrauen, Piraten und andere verwegene Gestalten enterten den Lindaupark im Sturm.

Sie kommen mit Taxis, zu Fuß oder mit dem Rad: Piraten in samtenen Gehröcken, schwarzem Dreispitz, gestreiften Pumphosen, Säbeln und kniehohen Stiefeln. Goldbehangene Piratenbräute in weiten Röcken, roten Corsagen, weißen Blusen, mit Tüchern über dem langem Haar. Und überall dominieren die Totenköpfe. Am Ohr, um den Hals, auf Fahnen, auf den Stoffen und in Gesichtern.

So auch bei Elke und Sabine, zwei Frauen im besten Alter, die auf dem großen Ball der Lindauer Narrenzunft Spaß haben wollen. „Eigentlich war das ja die Idee von unserer Freundin. Die meinte, dass so ein Faschingsball in einer kleinen Frauengruppe der totale Feez sein würde. Aber jetzt ist sie krank, und die andere Freundin, die auch mitgehen wollte, muss arbeiten“, erzählt Elke. Jetzt sorgen die beiden eben allein für ihren Spaß.

Erst einmal geht’s durch den Seiteneingang des Einkaufszentrum und durch die doppelte Sicherheitskontrolle. Sabine hat keine Waffen dabei, und auch Elke wird trotz Säbel durchgelassen. Mit dem Fahrstuhl geht“s dann direkt in die zweite Etage. „Ich war schon seit 20 Jahren auf keinem Faschingsball mehr. Aber das finde ich witzig, dass so was in einem Einkaufszentrum stattfindet“, sagt Elke und schlägt vor, erst einmal überall rumzuschauen. Auf dieser Etage befindet sich eine Tanzfläche mit Live-Musik. Das Café und das Restaurant haben geöffnet. Noch kommt man leicht an die Getränke heran und findet einen bequemen Sitzplatz.

Vergebliche Suche nach dem Sekt

Doch Sitzen ist nicht der Sinn des Abends, also gehen die beiden in die erste Etage. Im Treppenhaus läuft auf einer Leinwand der Film „Fluch der Karibik“, ein großes Floß mit einem Moschtkopf drauf, hängt dekorativ in der Luft. Unten sind mehrere Stände aufgebaut, die vorwiegend Hochprozentiges verkaufen, eine zweite Tanzfläche, wo ein Narrenverein gerade für Stimmung sorgt, befindet sich zwischen einem verriegelten Bekleidungs- und einem vergitterten Schmuckladen. In dem noch leeren Café machen ein paar Reinigungskräfte Pause.

Nach und nach füllt sich das Einkaufszentrum immer mehr, und an manchen Stellen ist kaum noch Platz, um die fantasiereichen Kostüme zu bewundern. Die beiden Freundinnen treffen immer mehr Bekannte. Elke mag erstmal einen Sekt, denn sie trinke immer Sekt auf Faschingsbällen – zumindest damals, vor 20 Jahren. Die Freundinnen machen sich auf die Suche. Dabei wird Sabine von einem wildfremden Mann angesprochen, der einen Kaugummi erbittet. Zum Dank bekommt sie einen dicken Schmatzer auf die Backe. „Vor 20 Jahren hab ich auf Faschingsbällen immer rumgeknutscht“, fällt ihr ein, „aber auch nach 17 Jahren mit dem gleichen Mann wird es dafür noch nicht wieder Zeit.“

Die Suche nach dem Sekt entpuppt sich als schwierig, „die Zeiten scheinen wohl vorbei“. Elke entscheidet sich schließlich für ein Bier an einer Bar, wo sie das bunte Treiben gut beobachten kann. „Das ist das Schönste auf solchen Festen. Und dass man Leute sieht, die man schon lange nicht mehr getroffen hat.“ Eine Horde Piraten zieht vorüber. Die schauen alle aus wie Johnny Depp. Zu sehen sind auch Hästräger, Seejungfrauen, Wassermänner, ein Pfarrer, ein Mann mit einer blutigen Axt im Rücken, Cowboys und ein Bauarbeiter. „Der ist noch vom letzten Jahr übrig geblieben“, lacht Elke.

Neonlicht bringt jähes Erwachen

Die beiden Freundinnen beginnen ein angeregtes Gespräch über Kostüme. „Die Mode heute ist ja so, dass man alles, was man als Pirat braucht, eigentlich im Schrank hat,“ erklärt Elke. Schwarze Hose, Stiefel, weiße Bluse. „Das Piratentuch ist von meinem Sohn und der Säbel von meinem Mann. Den hat er sich mal aus Spanien mitgebracht“. Gut, dass es Fasching gibt. Denn so findet manches sinnlose Urlaubssouvenier doch noch eine Verwendung. „Nur die Kette mit den Totenköpfen habe ich extra gekauft. Aber nicht in der Faschingsabteilung! So was ist schwer in.“

Ein Hit nach dem anderen ertönt von der Tanzfläche. Da gibt es kein Halten mehr für die beiden Freundinnen. Bis früh in den Morgen tanzen sie sich die Füße wund. Als sie dann den Heimweg durch den neonbeleuchteten Gang antreten, bemerkt Elke: „Gut, dass wir nicht mehr mit irgendjemanden rumknutschen müssen. Spätestens jetzt, bei dem unvorteilhaften Licht hier, gibt´s ein jähes Erwachen!“