Narrensprung

Aus der Lindauer Zeitung vom 27.02.2006

Hexen und Zuschauer kommen sich nahe

Narrenwetter ist immer. An diese Narrenweisheit haben sich gestern Hästräger und Zuschauer beim Narrensprung auf der Lindauer Insel geklammert. Es schneite am Ende, was der Himmel hergab. Doch die meisten ließen sich davon nicht beeindrucken. Und oft kamen sich Narren und Zuschauer sehr nahe.

Lautstark und farbenfroh zogen die Narren zwei Stunden lang über die Insel, wo erstmals auch Diskozelte aufgestellt waren. Die Narreneltern Rosmarie und Herbert Baldauf warfen von ihrer Kutsche aus den Kindern Gutsle zu, und der anschließend vorbeiknatternde Trabi in den Farben des Narrenzunft-Fanfarenzugs sorgte für erste Heiterkeit. Ein Lindauer Kornköffler herzte viel versprechend die Obine, ehe er ihr ein Bonbon zusteckte.

Ein im Barock gekleidetes Lindauer Sängerpaar nahm, wie auch viele folgende Narren, Petra Seidl in die Arme und flüsterte ihr etwas – vielleicht Tröstliches – ins Ohr. Binsenwedel strichen über die Gesichter der Zuschauer, andere Narren zog Zuschauern die Mütze einfach ins Gesicht, ein Flachswedel streifte auf einen Streich gleich ein halbes Dutzend Köpfe. Die Narren aus Neresheim verschafften sich zwischen den Zuschauern auf der Tribüne Platz. Prinzengarden konnten sich des Beifalls der Zuschauer sicher sein.

Außer Körner und Bonbons flogen auch Erdnüsse in Richtung Publikum. Als die Narren aus Tettnang und Dornbirn vorbeizogen, begann es zu schneien. Narretei im Kleinen und Großen: Ein Narr neckte ein kleines Kind behutsam mit seinem Fuchsschwanz, während der Narrensamen vor der Tribüne sportlich Rad schlug und etliche Hexen lautstark einen Hexenstart vollführten. Narrensprung Lindau / BodenseeIm Hexenwagen wurden die Haare junger Mädchen verstrubelt, drei Hexen bildeten eine Figur, ein Bub musste ein Stück weiter seiner geraubten Kappe nachlaufen, und gut kam eine Kinderwagenparade anno 1950 an. Üeberhaupt die Gefährte: Die Narren hatten allerlei Fahrbares dabei, kleine Karren und große Wagen des Nonnenhorner Gaudiwurm, und eine Gruppe schleppte sogar eine geschlossene Bahnschranke mit.

Mädels und Promis sind begehrt

Nicht nur durch die vielen Musikkapellen, sondern auch durch das gegenseitige Zurufen der Narrenrufe hielt der Kontakt zwischen Zug und Zuschauer. Eine fünfstöckige Hexenpyramide riss die Zuschauer zum Klatschen hin. In einer närrischen Badewanne wurden Mädchen im Kreis gedreht. Ein Einradradler umarmte gleichzeitig zwei Frauen – oder musste er sich an ihnen festhalten? Die Weißensberger Weihergeister griffen sich den Landtagsabgeordneten Eberhard Rotter, während andere Monster Mädchen wie Christbäume verpackten. Und immer wieder die Mädels: Verloren ging offenbar der Brauch, sich junge Männer am Wegesrand zu greifen.

Hexe beim Narrensprung 2006