25. Geburtstag Zunfthäusle

Aus der Lindauer Zeitung vom 02.08.2005

Zunfthäusle feiert 25. Geburtstag – „Du lasse Wand wie ischâEUR oder „aus alt mach neuâEUR

Mit einem Tag der offenen Türe und einem Fest im und am Zunfthäusle feiert die Lindauer Narrenzunft den 25. Geburtstag ihres Vereinsheimes. Vor exakt 25 Jahren wurde das putzige Schindelhäuschen, das einst dem Großherzog Ferdinand IV. von Toskana, einem Verwandten des bayerischen Königshauses, als Pförtnerhaus für die Villa Toskana diente und 1977 wegen Baufälligkeit abgebrochen werden sollte, eingeweiht und damit vor dem Untergang bewahrt.

Das Zunfthäusle in der Bregenzer Straße im Jahr 1978 nach der Üebernahme. Das Gerüst steht und die Dachdecker sind am Werk. – rechts; Das frisch renovierte Schmuckstück bei der Einweihung.) Mit einem riesigen Kraftakt und vielen ehrenamtlichen Helfern hat die Lindauer Narrenzunft in knapp 11.000 Arbeitsstunden das Häuschen zu einem Schmuckstück ausgebaut, wie es weit und breit sicher nicht viele geben dürfte. Am Sonntag, 18. September, wird nun zwischen 10 und 16 Uhr groß gefeiert.

1977 beschloss der Lindauer Stadtrat das baufällige Häuschen komplett abzureißen und an seiner Stelle Parkplätze zu errichten. Das Haus an der Bregenzer Straße 10, das zuvor fast ein Jahrzehnt lang leer stand und sich einem jämmerlichen Zustand befand, war zuvor als Wohnraum genutzt worden. Der damalige Zunftmeister Horst Bäckert konnte zusammen mit seinen Zunftratsmitgliedern den Stadtrat davon überzeugen, das Haus der Narrenzunft zu überlassen, um es selbst komplett sanieren und als Vereinsheim auszubauen zu können. Zuvor war auch viel Üeberzeugungsarbeit innerhalb der Zunftregierung vonnöten, war mit der Sanierung doch ein erhebliches finanzielles Risiko für die Zunft verbunden.

In 10.716 Arbeitsstunden wurde renoviert, saniert und umgebaut.

In der Fasnacht 1978 hefteten die Narren erstmals ihr Narren-Wappen an die Hauswand des baufälligen Hauses. Aber das Unterfangen „Renovierung, Sanierung und Ausbau“ gestaltete sich schwieriger als erwartet. Bauleiter und „Mädchen für alles“ Franz Dellinger, damals Vizevogt der Moschtköpfe, erinnert sich: „Der Zustand des Hauses erwies sich als viel schlechter, als wir gedacht hatten. Wir mussten das Haus vollständigen entkernen, nur die Außenwände blieben stehen. Decken, Wände, Treppen, alles musste raus gerissen werden.“ Exakt 10.716 Arbeitsstunden wurden von den vielen freiwilligen Helfern ehrenamtlich zwischen dem Baubeginn am 4. März 1978 und der Fertigstellung am 26. Juli 1980 geleistet. Neben einigen Fachleuten wie z.B. Bauleiter Franz Dellinger und Arbeitskollege Rudolf Seberich im Stadtbauamt verfügten nur wenige der Helfer über ausgeprägte Fachund Sachkenntnisse. Die hätten sich viele Helfer aber im Lauf der Zeit angeeignet, erinnert sich Franz Dellinger. Nachdem alle schadhaften, zum Teil sogar vermoderten Bauteile entfernt waren und der Boden bis zu einem Meter Tiefe von Hand ausgegraben worden war, ging’s an den Neuaufbau. Decken wurden betoniert, Wände eingezogen, das Treppenhaus eingebaut, die gesamte Haustechnik samt der Elektrik komplett erneuert.

In vier Baubüchern alles akribisch festgehalten Aufgezeichnet hat alle Arbeiten und Baufortschritte mit spitzer Feder aber auch mit unglaublich viel Witz und Humor Baubetreuer und Chronist Ortwin Müller. Vier Bauarbeitsbücher hat der pensionierte Offizier damals handschriftlich gestochen scharf gefüllt, eine exakte Chronik des Baus. Viele lustige Zitate ergänzen die sachliche Beschreibung. So hat er auch so manchen Dialog zwischen Bauleiter Dellinger und dem serbischen Maurer „Millo“ („Du lasse Wand wie isch“) festgehalten. Viele historische Fundgegenstände, die beim Bau zu Tage kamen, wie alte Schlösser, Schlüssel, Nägel, Werkzeuge usw. hat Müller gesammelt und beschrieben. Heute werden sie im Zunfthäusle in einem Schaukasten im ersten Stock ausgestellt. Für die überall im Haus zu findenden Schmiedearbeiten zeichnete Heinz Weiß verantwortlich. So hat er auch die kunstvoll allegorisch mit den Masken der Lindauer Zunft verzierte handgeschmiedete Eisentüre zum Heizungsraum gestaltet. Viele andere fleißige Hände, deren Namen alle im Baubuch verzeichnet sind, trugen dazu bei, dass die Narrenzunft seit der Einweihungsfeier am 26. Juli 1980 nach wie vor ein Schmuck-Kästchen ihr Eigen nennen darf. Der Gebäudeunterhalt wird, obwohl sich das Haus nach wie vor im Eigentum der Stadt befindet, voll von der Narrenzunft getragen.

Vielfältige Unterstützung und Respekt vor Mut zum Risiko. Natürlich bedurfte es auch vielfältiger finanzieller Hilfe von außen, um diesen Kraftakt für die Narrenzunft überhaupt bewältigen zu können. So waren es damals vor allem die Stadt Lindau, Landkreis Lindau, der Bezirk Schwaben, die Denkmalpflege des Freistaates Bayern, die Firma BAT-Kurmark und insbesondere die Inselbrauerei AG Lindau, die der Zunft mit Zuschüssen und Darlehen kräftig unter die Arme gegriffen haben. Zahlreich waren aber auch die Geld- und Materialspenden vieler der Zunft zugeneigter Mitbürger, die Respekt vor so viel Mut hatten.

Das Zunfthäusle ist seit nunmehr 25 Jahren zentrale Treffpunkt für die Narrenzunft Lindau. Hier werden auch die regelmäßigen Gruppensitzungen, Sitzungen des Zunftrates und der Zunftregierung durchgeführt. Am Sonntag, 18. September wird der 25. Geburtstag zwischen 10 und 16 Uhr in und ums Zunfthäusle mächtig gefeiert. Jedermann ist herzlich willkommen. Für Speis und Trank und vielfältige Unterhaltung ist bestens gesorgt. Der Fanfarenzug der Narrenzunft ist dabei, ebenso eine Schlagerparade aus den 80er- Jahren. Um 14 Uhr wird die Lindauer Märchenerzählerin Christine Berdichever Kinder und Erwachsene mit selbst erfundenen Märchen, die zum Anlass passen, unterhalten und erfreuen. Laufend werden Filmvorführungen an die Bauzeit vor gut 25 Jahren erinnern.

Foto Franz Dellinger
Der damalige Bauleiter und „Mädchen für alles“ Franz Dellinger freut sich auch heute nach 25 Jahren noch über das gelungene Werk.
Blick ins ehemalige Obergeschoss
Blick ins alte Obergeschoss. Das gesamte Haus musste „entkernt“ werden, da die alte Bausubstanz zu marode war.

Eingeruestetes Haeusle Neu renoviertes Haeusle