Narrenvater

Aus der Lindauer Zeitung vom 05.02.2005

Narrenvater lebt mit dem Virus Fasnacht

Wer mit Herbert Baldauf über die Insel läuft, der schafft es höchstens ein paar Meter weit, ohne dass der Narrenvater gegrüßt oder angesprochen wird. Doch nach Jahrzehnten in der vordersten Narrenfront, als Schöffe, Stadtnikolaus und ruhender Pol der Ballettkompagnie ist Baldauf in Lindau bekannt wie nur wenige andere.

Ein bibberkalter Morgen auf dem Unteren Schrannenplatz. Gibt es einen passenderen Ort, um den Narrenvater und Brauchtumsbeauftragten Lindaus zu treffen, als den Narrenbrunnen, der alle vier Narrenfiguren spielerisch symbolisiert ? Es dauert nicht lange, und Herbert Baldauf erscheint gut gelaunt auf dem Platz – 5 Minuten vor dem vereinbarten Zeitpunkt . Pünktlichkeit, die heute kaum mehr selbständlich ist – aber irgendwie logisch erscheint, wenn man den stregenen Verhaltenskodex betrachtet, dem sich alle Narren in ihren Statuten unterwerden. Schließlich soll die Fasnacht das bleiben, was sie ist: Ausgelassene Fröhlichkeit – ohne dass irgend jemand dabei zu Schaden kommt. Oder, wie Baldauf es ausdrückt: Sie soll „allen wohl und niemand weh tun.âEUR Man muss es ausprobieren.
Doch welche Faszination steckt hinter der Lebensphilosophie, „NarrâEUR zu sein? Baldauf schmunzelt: Er sei mehrfach gefragt worden, was einen Menschen dazu bringe, sich buntes Zeug anzuziehen , durch die Straßen zu rennen und hoppla ho zu schreien. Seine Antwort darauf ist immer die gleiche: „Diese Frage kann ich nicht beantworten.âEUR Es versucht statt dessen, die Fasnacht mit der Infektionskraft eines Virus zu erklären. „Man muss es ausprobieren. Entweder es pack einen – oder nicht.âEUR

Es war im Jahr 1969 als Herbert Baldauf und seine Frau vom Gründer der Binsengeister Hermann Müller infiziert wurden. Und blättert man nach so vielen Jahren mit Baldauf in den einstigen Festschriften, so wird die Geschichte und Entstehung der Lindauer Narrenfiguren – der Moschtköpfe (1960), Binsengeister (1964), Pflasterbuzen (1969) und Kornköffler (1969/1970) – wieder lebendig. Derzeit gilt das größte Augenmerk Baldaufs und seiner Frau Rosemarie aber dem Narrensamen – also dem Nachwuchs. Im Jahr 2000 hatte er sein Amt als Zunftmeister zwar abgegeben: „Man muß rechtzeitig aufhören. Nämlich dann, wenn ein Nachfolger vorhanden ist, und bevor die Leute derfroh sind, dass man geht.âEUR Schnell wird im Gespräch jedoch klar, wie viel Freude Herbert Baldauf am engen Kontakt mit Kindern und Jugendlichen hat. Auch bei Umzügen ist es die Aufgabe der Narreneltern, auf die Kinder im Publikum zuzugehen. „Das ist schwieriger, als als MaskenträgerâEUR, gesteht Baldauf.
Die schönsten Erinnerungen aus mehreren Jahrzehnten Fasnacht? Das sind sich Herbert Baldauf und der ehemalige Pfarrer Heribert Steiner, der Baldauf gerade in ein Gespräch verwickelt, schnell einig. Das waren zwei „Messen mit NarrenâEUR bei Jubiläumsfeiern. Die eine war 1984 vom Bayerischen Fernsehen in der Stiftskirche aufgezeichnet worden. Noch beeindruckender war für Baldauf jedoch die Messe mit Narren im Jahr 1989. Damals wurde die katholische Messe nach dem Deckensturz der Stiftskirche mit Zustimmung des evangelischen Kirchenrates in dei Stephanskirche verlegt.

Zur Person – Der zweite OB von Lindau
Bereits 1970 nahm Herbert Baldauf die erste Sprosse seiner närrischen Karriere: Er wurde zum Vogt der Binsengeister gewählt. Damals war er in Lindau als „zweiter OBâEUR bekannt. Nur stand bei ihm das Kürzel für Oberbinsengeist. Ein Amt, das er bis 1984 ausfüllte. Von 1976 bis 1984 übernahm er gleichzeitig den Posten des Vizezunftmeisters. Ab 1984 avancierte Baldauf dann zum Obernarr der Stadt Lindau. 16 Jahre lang, bis zum Frühjahr 2000, bekleidete er das Amt des Zunftmeisters. Als Narreneltern kümmern er und seine Frau Rosemarie sich jetzt um den Nachwuchs.