Narrenvirus verbreitet sich

Aus der Lindauer Zeitung vom 12.01.2004

Narrenvirus verbreitet sich

LINDAU{eka)-Am Dreikönigstag beginnt nach dem Zwölfuhrläuten im schwäbisch-alemannischen Raum die Fasnacht. Danach werden Narrenkleider und Gschell abgestaubt, Narrensitzungen abgehalten und das närrische Programm verkündet. Die Narrenzunft Lindau staubt die Häs im Freien auf historischen Plätzen am Freitag nach Dreikönig ab. „S goht d’rgege“, verkündet ein alter Narrenruf. Es geht gegen die heute mehr denn je anzutreffende Beengung des Daseins, gegen Amtsanmaßung und Spießertum. Lindau pflegte am Freitag seine schöne Form des Häsabstaubens, Nacheinander wuchs die Narrenzunft in einem Umzug vom Maxhof über Marktplatz und Alten Markt bis hin zum Alten Rathaus und Schrannenplatz auf ihre volle Größe an. Waren es am Anfang lediglich der Narrenzunft-Fanfarenzug und die Narrenkapelle MV Reutin sowie die Lokalprominenz mit Oberbürgermeisterin Petra Seidl an der Spitze, so gesellten sich Stück für Stück Binsengeister, Pfasterbuzen, Moschtköpfe und Kornköffler hinzu. Mit bewegten Gefühlen lauschte mancher Fasnachter dem wieder erklingenden Lindauer Narrenmarsch, verschiedenen Narrenspüchen, dem Binsengeisterlied oder den Melodien der Köffler und Moschtköpfe, Die Musikanten versuchten, die Insulaner für die Fasnacht zu begeistern, und die Königlich Privilegierten Schützen ließen es närrisch krachen. Der „Narrensamen“ nahm von Mal zu Mal ebenso zu wie die erwachsenen Narrenfreunde. Eine junge Schweizerin, die von Anfang bis Ende das närrische Spektakel mitverfolgte, nannte die Lindauer Narretei „echt super“. Wie es mit der Verbreitung des Narrenvirus funktioniert“, demonstrierte die ‚junge Familie des Lindauer Zunfteisters Udo Falge. In der vorigen Fasnacht war seine hochschwangere Lebenspartnerin Doreen fast überall dabei. Heuer begleiteten sie und Tochter Philine im Kinderwagen, beide natürlich im Binsengeisterhäs, den Papa beim ersten großen Fasnachttermin dieses Jahres.

40 Jahre „NarrenzunftLindau“
Falge freute sich am Schrannenplatz, dass der Name „Narrenzunft Lindau“ heuer exakt 40 Jahre existiert. Er lud Einheimische und Auswärtige, aber insbesondere die Vereine dazu ein, ‚bei den Fasnachtsveranstaltungen und beim Narrenspung mitzumachen. Für den Lindauer Narrensprung am Fasnachtssonntag, so der Zunftmeister, haben sich bereits über 50 Narrenzünfte und Narrenvereine nach Lindau angemeldet. Falges besonderes Lob und viel Beifall galt dem neuen Narrenbüttel Rudi Mäder. Mäder war mit Narrenvater Herbert Baldauf Hauptakteur des Häsabstaubens ,Der Narrenbüttel verkündete an allen Stationen, die Menschen sollten in den närrischen Tagen ihren Missmut vergessen, nicht den Beleidigten spielen und vor allem bewusster leben: „Denket dra‘; es gifno a Lebevor’m Tod“. Narrenvater Baldauf erläuterte in Martin-Thomann-Reimen den Bezug der einzelnen historischen Plätze Lindauszu den einzelnen Narrengruppen. In unserer nach negativen Nachrichten süchtigen Zeit dürfen zwei Minuspunkte nichtfehlen: Am Schrannenplatz goss es in Strömen, Und: Die Urlauber warfen im vergangenen Hitzesommer keine Glücksmünzen in den Narrenbrunnen, Brunnenwärterin Lollo Kipp machte jedoch daraus das Beste und stiftete selbst 1,11 Euro an die Zunft. Von dieser erhielt sie als Jahreslohm auch diesmal wieder ihre – noch – steuerfreie bayerische Brotzeit.